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13.12.09

Schweizer Käse – Wer hats erfunden?

Da haben sich die Jungs und Mädels von Extra 3 einen schönen Scherz erlaubt. Nach dem Minarettverbot drehten sie einen satirischen Spot nach Art der Ricola-Werbespots. Dort ist man laut Boulevardblatt Blick natürlich not amused. Verständlich, gut ist der Clip dennoch.

30.11.09

Schweizer Käse – Das Kreuz mit dem Minarett, Nachschlag

Wenn man sich ein wenig mit den Reaktionen auf das Minarett-Initiativen-Ergebnis beschäftigt, kann man ganz schön ins Kotzen kommen. Entweder weil man solidarisch mit Schweizer Kollegen erbrechen möchte, oder weil einem die Galle bei selbsternannten Vaterlandshütern hochkommt. Ich will jetzt gar nicht auf die einzelnen Argumente und Gegenargumente eingehen, jeder vernünftige Mensch kann selbst seine Schlüsse ziehen.

Arg übel wurde mir heute, nachdem ich unter dem gestern schon erwähnten, äußerst fragwürdigen Kommentar von Christian Leu (angesehener Schweizer Blogger und Twitterer und bekennendes SVP-Mitglied; er schreibt in seinem kurzen Beitrag sinngemäß allen, die gegen die Entscheidung in der Minarettinitiative gesprochen haben, den gesunden Menschenverstand ab) kommentiert hatte. Nur weil man offen das offensichtliche ausspricht, wie ich es hier gestern schon getan habe, wird einem jegliches Verständnis für die Sachlage und mangelndes Demokratieverständnis nachgesagt, am übelsten (nämlich offen rechts) ist allerdings Kommentar 27 vom schweizbekannten Pöbler Annubis, der in seinem Blog ähnlich Hirnloses verzapft. Hätte Annubis in den Sechzigerjahren in Westdeutschland gelebt, hätte er wohl diejenigen, die es gewagt haben, Fragen über die NS-Vergangenheit ihrer Eltern zu stellen, am liebsten in einen Sack gesteckt und über die Mauer geworfen.

Auf der anderen Seite zeigt sich im Laufe des Tages beispielsweise in befreundeten und bekannten Akademiker-Kreisen das wahre Ausmaß. Von verständnisloser Entrüstung über fassungsloses Entsetzen kommen diejenigen, die etwas reflektierter an die Sache herangehen, zur Einsicht, was da gestern passiert ist: Eine Partei hat es über Jahre geschafft, ein Klima zu schaffen, in der eine äußerst diffuse Angst sich in einem völkischen Aufschrei Gehör verschafft, die Angst vor "dem" Moslem, dem Bärtigen Terroristen, der (so scheinbar die Logik von Annubis) zwangsweise mit einem Minarett ausgeliefert wird. Diese entsetzten, aufgeklärten Akademiker zweifeln nun mindestens an der direkten Demokratie, oft aber auch an der liberalen Grundausrichtung der Schweiz generell.

Fest steht, dass mit dem gestrigen Votum einiges Porzellan zu Bruch gegangen ist, selbst wenn in Zukunft niemand direkt in der Ausübung seines Glaubens behindert wird. Die direkte Demokratie könnte Schaden genommen haben, das Ansehen der Schweiz hat es auf jeden Fall.

29.11.09

Schweizer Käse – Das Kreuz mit dem Minarett


Eigentlich hatte ich das hier noch vor der Volksabstimmung zum Minarettbau in der Schweiz posten wollen, jetzt ist es zu spät und das Kind in den Brunnen gefallen (s.o.).



Ein paar ungeordnete Gedanken zur Abstimmung der Schweizer über den Minarettbau. Lange hab ich mich mit offenen Einschätzungen des Landes, in dem ich zu Gast bin, zurückgehalten, heute scheint es angebracht, etwas anzumerken. Vor allem, weil mich das alles so ankotzt. Wer mich kennt, weiß, dass ich dem Islam sehr kritisch gegenüberstehe und selbst am Besten ganz ohne Religion leben könnte.

Dennoch muss sich jeder, der einen Schweizer Pass besitzt, bewusst sein, dass Helvetia heute ein rassistisches Votum getroffen hat. Die SVP verkauft das Ergebnis des Volksentscheids natürlich als rein bauliche Entscheidung und als Ja zur Integration von Ausländern, doch dem gemeinen Wahlvolk wird das architektonisch-ästhetische Für und Wider herzlich egal gewesen sein. Das Ja zum Minarettverbot zeugt von einem dumpfen, kleinbürgerlichen Rassismus, erstaunlich ist lediglich, dass fast jedes Kanton dafür gestimmt hat. Allein die aufgeklärten Stadtkantönler aus Basel und die Romands haben sich (teilweise) mehrheitlich gegen das Verbot ausgesprochen.

Eine solche Entscheidung hätte so natürlich auch in Deutschland eintreffen können, ich bin mir sogar recht sicher, dass die Deutschen nicht klüger entscheiden würden, ließe man sie nur. Das heutige Ergebnis zeigt, dass es nicht immer gut ausgeht, wenn man das Volk nach seiner Meinung fragt. An einen Volksentscheid in Deutschland möchte ich lieber gar nicht denken.

Mag man dem Islam auch kritisch gegenüber stehen, mit Emanzipation des Geistes hat dieser Entscheid nichts zu tun. Wirklich aufgeklärt wäre wohl eher eine Ablehnung aller Gotteshäuser gewesen.

Wenig tröstlich, aber dennoch nicht völlig entmutigend sind die Reaktionen derer, die ähnlich aufgeklärt zu sein scheinen, wie ich mich es wähne. Auf Twitter finden sich deutliche Worte:

Feeling disgusted by the first predictions. Are we really such a xenophobic society?

David, you're Swiss, right? - No, today I'm from Basel.

Ich bin schockiert und enttäuscht, dass die Vorlage wohl angenommen wird.

Embarrassed and ashamed that the country I'm from and live in has just banned minarets. Makes me want to leave...


Bei Facebook gibt es eine Gruppe "Ich schäme mich für das Resultat der Minarett-Initiative", deren Zahl im Laufe des Tages rapide angestiegen ist, und die um zwanzig vor neun fast 22,000 Mitglieder zählt (und auf deren Startseite mich zwei meiner jüdischen Facebook-Kollegen anlächeln). Erstaunlicherweise halten sich z.B. die älteren Twitterer zurück bzw. bloggen unangenehm ambivalente Einträge.

Am deutlichsten sagt es wohl ein Schweizer Kollege per SMS: "Da wird mir übel. Rassistisch hirnlos und scheinheilig glaubenstrunken macht ne nazichristen-fraktion, plus ein paar flachdenker, politik."

Spontante Kundgebungen und Mahnwachen hat es zumindest in Basel, Bern, Zürich und St. Gallen gegeben, vor dem Bundeshaus in Bern fanden sich laut @rolandstuder am frühen Abend rund 300 bis 400 Leute ein. All das ist natürlich hilfloser Aktionismus, doch das Gefühl, dass man nicht allein ist, mit seiner "guten" Meinung, schweißt zusammen. Was das Votum für die Schweiz bedeutet, wird sich in den nächsten Tagen und Wochen zeigen, aber mich würde nicht erstaunen, wenn fanatische Idioten die ein oder andere Schweizer Flagge anzünden. Wundern dürfte man sich in der Alpenrepublik darüber nicht.

Edit: Der Politikwissenschaftler in mir zwingt mich zu folgendem Nachschub: Die Abstimmungsbeteiligung war (konnte man sich denken) scheinbar recht niedrig. Das relativiert das Ergebnis ein wenig, ändert aber nichts an meiner grundsätzlichen Einschätzung.